SK / NKZ Frontstadtpaläste
von Martin LuceTexas Willy ist schuld
Seinen Spitznamen hat sich der für sein pragmatisches Handeln beliebte Willy Kressmann, texanischer Ehrenbürger und Bezirksbürgermeister von Berlin-Kreuzberg (1949 –1962), als Fan überdimensionierter Projekte und großer Posen verdient. Ganz Cowboy trug er gerne den von seiner ersten USA-Reise mitgebrachten weißen Stetson Hat. Als Willy während seines zweiten US-Trips (1962) die Mauer als das »Ergebnis der Politik des Ostens und des Westens« bezeichnet, wird ihm sein Hang zur risikoreichen Selbstprofilierung zum parteipolitischen Verhängnis.
Eine seiner großen Arbeitsutopien ist die weitflächige und totale »Erneuerung des Verkehrs« in den Städten, von deren Notwendigkeit er – wie viele andere in dieser Zeit –
vor dem Hintergrund des nicht enden wollenden Wirtschaftswunders mehr als überzeugt ist. Auch Kreuzberg soll durch Entkernung und Flexibilisierung autogerecht werden. Einen der dramatischsten Eingriffe in den Bestand erfordert die Trasse der Osttangente der Stadtautobahn, für die eine harte Schneise durch die Oranienstraße gezogen und zur Verbindung mit der Südtangente ein großzügiges Autobahnkreuz auf dem Oranienplatz installiert werden soll. Die Aktivitäten bleiben im Planungsstadium stecken.
Ab 1959 erschließt sich Willy ein für Berlin nicht weniger folgenreiches Projekt: Er heiratet die damals 24 Jahre jüngere Architektin Sigrid Zschach. »Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben«, ist deren Parole. Bereits 1950, mit Einmarsch der emanzipierten Sigrid in Berlin, ist die Vorherrschaft der Männer in der Berliner Bauwirtschaft in Gefahr. Ein weiblicher Macho tritt an ihre Seite.
Texas Willy führt die Frau mit dem schönen Wimpernschlag in einer kurzen wilden Ehe erfolgreich in das Berliner Gesellschaftsgeflecht ein. Die angezettelte Beziehung ist ihr für nur zwei Jahre von geschäftlichem Nutzen. »Plötzlich ist man drin«, ist ihr damaliges Resumée, dann schmeißt sie Ihren Ehemann raus.
Macho Sigrid Kressmann-Zschach
(wir nennen sie SKZ)Kressmann-Zschach schlägt sich auch in anderen Kommunalpolitikerbetten erfolgreich. Z.B. bei Klaus Arlt, damaliger Chef der Oberfinanzdirektion, welcher, nach engen Kontakten mit SKZ, durch einen Untersuchungsausschuss von seinem Amt suspendiert wird. Die machtbewusste Frau ist integraler Teil der »Berliner Krankheit«, einer allzu engen Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Verwaltung, einer spezifischen Mischung »aus Biederkeit und Filz, diesem von einer absurden Subventionsförderung angefeuerten fatalem Geflecht aus ehrgeizeigen Politikern, cleveren Geschäftsleuten und einer überforderten Verwaltung, aus Gefälligkeit und Fallsucht, die jede parlamentarische Kontrolle aushebelt.«
Der von Sigrid Kressmann-Zschach sorgfältig erarbeitete Einstieg in die Inzest-Society der kleinen West-Berliner Insel lässt die Erstinformationen über anstehende Bauvorhaben der Landesregierung zuverlässig über ihren Schreibtisch wandern. In ihrer stetig wachsenden Bauträgergesellschaft kann sie in den Folgejahren 300 weitere Mitarbeiter einstellen. Mit Großprojekten am laufenden Band dürfte es eines der größten Büros jener Zeit gewesen sein.
SKZ bezieht eine Villa am prominent umsäumten Halensee. Zum Ausgleich dient ein geräumiges Penthouse in Schöneberg, in dem sich ihre zahlreichen polit-potenten Liebhaber gegenseitig die Klinke in die Hand drücken. Die lokalen Boulevardzeitungen stürzen sich mit Inbrunst auf Ihr Posing in Minirock mit Rolls-Royce.
Die Grundsteinlegung ihres letzten Großprojektes startet 1970: Das Kudamm Karree in direkter Nähe zur Gedächtniskirche am Kurfürstendamm. Auf 20.000 m2 ergibt sich eine unsystematisch additive Anhäufung von 1.500 Parkplätzen, eine Ladenpassage mit Büro- und Geschäftshäusern, sowie einem massigen 20-geschossigen Hochhaus. Doch schon kurz vor Fertigstellung muss der Berliner Senat das bebaute Gelände zwecks Konkursabwendung für 22,7 Millionen Mark selbst aufkaufen. Etliche kostspielige Umbauten und weitere ungeplante Landeszuschüsse werden schon kurz nach Eröffnung notwendig.
Gegen Ende 1970 ist der Größenwahn auch schon vorbei: Unter Beteiligung der Neuen Heimat will SKZ am Kreuzberger Mariannenplatz das Künstlerhaus Bethanien (erst seit 1974 unter diesem Namen) schleifen. Anstelle des denkmalgeschützten Ziegelbaujuwels des Rationalismus sollen Elfgeschosser mit 1200 Wohneinheiten und Shoppingcenter entstehen. Breit angelegte Bevölkerungsproteste legen die Planung unter der Parole »Kressmann-Zschach und der Senat sind ein Gangster-Syndikat« rechtzeitig lahm. Bürgerorientierte Gegenwehr gibt es erst spät gegen die Baulöwin. Doch für die »Berliner Bauposse« beginnt nun ihr Abstieg.
Mittendrin im Bau- und Abrisswahn gerät SKZs Architektur- und Baubüro Avalon GmbH & Co. KG in finanzielle Schwierigkeiten. Ihr »Avalon« ist bis dahin West-Berlin: mystischer Ort der seligen Apfelinsel aus der Artussage und Aufenthaltsort des gleichnamigen Königs nach seiner Verwundung. 1973 ist Sigrids Laden insolvent und muss ein Jahr später Konkurs anmelden.
Bis zu ihrem Wendetod in 1990 soll SKZ ihr reichlich erworbenes Geld nicht nur durch ihren opulenten Tageskonsum verfeuert sondern auch fleißig in mehrere Non-Profit-Organisationen rückverteilt haben, was ihr neue Boulevardberichte und Freundschaften brachte.
»Du mein quirliges Zentrum, du allein … «
(Frontstadttraum SK)Doch gehen wir noch einmal zurück gen 1967: Sigrids Meisterstück. Als die Architektin von den Plänen des Senats zur Erweiterung der U-Bahn nach Steglitz hört, kauft sie umgehend alle Grundstücke gegenüber des Steglitzer Rathaus auf. Kurz darauf präsentiert Sigrid dem Senat ein imposantes Planpamphlet: Ihren persönlichen Frontstadttraum »Steglitzer Kreisel«. Die Modellcollage zeigt eine Insel im rauschenden Großstadtverkehr. In deren Mitte ragt mit 119 Metern Berlins bis dahin höchster Turm heraus. Über einen integrierten Bus- und U-Bahnhof ist der Shopping Superblock unmittelbar mit der Reststadt vernetzt.
Zur gleichen Zeit (1965 – 1969) ein Blick über die Mauer in den Osten: Am Alexanderplatz wird gerade die moderne Potenzschau des baulichen Ensembles aus Fernsehturm und Hochhaushotel fertiggestellt. Die politisch eisige Situation zwischen Ost und West entlädt sich in Berlins Luftraum in einem ideologisch geladenen Wettrüsten um dessen Hoheit und Dominanz.
Klar, dass Sigrid in dieser Situation mit ihren kühnen Plänen offene Türen einrennt. Ihr Kostenvoranschlag: 180 Millionen Mark. 35 Millionen davon verspricht Berlin für die Verkehrsbauten beizusteuern und bürgt für insgesamt 42 Millionen Mark.
Dabei ist zu Baubeginn 1968 gar nicht klar, wer potentieller Mieter der 20 Stockwerke Bürofläche werden soll. Auch dafür hat Sigrid eine Lösung. Obwohl gar kein lokaler Mietermarkt existiert, überzeugt sie mit Hilfe ihrer guten Connections das Bezirksamt Steglitz selbst, nach Eröffnung das gesamte Hochhaus unbefristet zu überhöhten Mietpreisen zu beziehen.
Finanziell wird das Projekt für alle Beteiligten zu einem Desaster. Ein Untersuchungsausschuss zum Konkursbau bringt später zu Tage, dass vor allem Finanzsenator Heinz Striek und Bausenator Rolf Schwedler (beide SPD) leichtfertig und zu Unrecht den Finanzierungs- und Baukünsten der Architektin vertrauten.
Die Schickis im Maxel
(Frontstadttraum NKZ)Als sich Mitte der 80er Jahre einige Hausbesetzer mit »15 Litern edelwürziger Scheiße-Pisse« zum Nobelfeinschmeckerrestaurant Maxel aufmachen, sind Texas-Willy und seine Ideen von der autogerechten Stadt längst in Vergessenheit geraten. Es gilt nun im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) die städtebauliche Idee der »behutsamen Stadterneuerung«. Unter der Leitung von Hardt-Waltherr Hämer werden die Bewohner jetzt nicht mehr vertrieben und ihre Häuser abgerissen, sondern diese, wo möglich, wieder instand gesetzt. Zugleich werden die kriegsbedingten Lücken durch maßvolle Neubauten geschlossen. Diese Strategie der Aufwertung erweist sich als erfolgreich und zieht bald auch neue Bewohner an. Das Kreuzberger Viertel, seit einigen Jahren vor allem von Migranten und Linken bewohnt, und seit dem Krieg von Niedergang und struktureller Armut geprägt, scheint sich endlich zu machen. Das passt wiederum den Hardlinern der Hausbesetzer-Szene nicht, die sich von den durchaus linken Polit-Schickis bedroht fühlen und zur Gegenwehr ansetzen. Mit Erfolg; nach zweimaliger Eimer-Attacke schließt das Maxel, andere lokale Edel-Gastronomen zahlen dagegen brav ihren Beitrag an die Knastkasse ( für den inhaftierten Widerstand).
Als Katalysator beider Phänomene, sowohl der blühenden linken Kultur wie auch der Idee der behutsamen Stadt-erneuerung, dient das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ) am Kottbusser Tor.
Die Planung des imposanten Betongebirges aus Geschäftsstraßen und Wohnungen wird 1968 erstmals vorgestellt. Das zentrale Gebäude besteht aus mehreren vorgelagerten Sockelgeschossen, hinter denen eine sichelförmige Hochhausbebauung emporwächst, die mehrere Straßen überspannt. Städtebaulich reagiert es mit seiner Form auf die geplante Osttangente der Stadtautobahn entlang der Oranienstrasse und soll die damals geplante Stadtzone im Süden vor dem künftigen Autolärm schützen. Das Wohngebiet nördlich davon soll dagegen abgerissen werden. Die Presse ist begeistert. Das »reizvolle Mischprojekt« sei endlich ein Lichtblick und werde zur Beletage Kreuzbergs, ein echter Mittelpunkt von »hoher gestalterischer Qualität« mit Kino und »Freiluft-Lesehof«.
Die Anwohner freut’s dagegen weniger. Längst hat sich herumgesprochen, dass diese Form der Stadtsanierung wenig mit den schlechten Wohnbedingungen im Viertel zu tun hat, sondern vor allem als ABM der Berliner Bauwirtschaft dient. Das Prinzip ist einfach. Da aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Vorraussetzungen kein privater Investor freiwillig investiert, werden Sanierungsgebiete ausgewiesen und der Bau von Wohnungen staatlich gefördert. Um Platz zu schaffen, wird durch Gutachten der Wert der bestehenden Altbauten herabgesetzt und diese dann abgerissen. Die Bewohner werden wiederum in Neubauten am Stadtrand umgesiedelt. Das hat zugleich den Vorteil, dass dort die Auslastung steigt, während der innerstädtische Wohnraum teurer vermietet werden kann.
Das NKZ ist eines der letzten realisierten Projekte dieser Art, zugleich regt sich erstmalig Widerstand. Dies ist kein Wunder: Die Projektentwickler um den Investor im »Twen-Alter«, Günther Schmid, stehen aufgrund auslaufender Fördergesetze mit dem Baubeginn unter Zeitdruck. Daher erfolgt die Entmietung der für den Bau des Zentrums erworbenen 29 Grundstücke / Bestandsgebäude mit besonderem Nachdruck. Nachts dringen für einen »Fünfer pro Person« extra angemietete »Penner-Brigaden« in die Häuser ein, brechen bereits leerstehende Wohnungen auf und pissen den restlichen Bewohnern auf den Kopf. So geht die Entmietung zügig voran – allerdings entsteht so in der großen politischen Szene das Feindbild der Stadtzerstörer und wenig später etabliert sich das Instandbesetzen als legitime Form des Widerstands. Mit dem Prinzip der Sanierung in eigener Regie werden die Besetzer zugleich auch zu einer Art Avantgarde der späteren behutsamen Stadterneuerung. Gleichzeitig fördern sie auch das, was einige Jahre später gentrification genannt wird und einige Akteure der alten Schule zum Fäkal-Einsatz inspiriert.
Der Elternschreck und die Globetrotter
(Beobachtung von SK/NKZ)Steglitz steht auf seine Schlossstraße, besonders auf deren 119 Meter hohen Endpunkt (www.das-schloss-steglitz.de).
Shopping ist okay. Infrastrukturell hochgerüstet mit Autobahn-, U-, S- und Busanbindung ist es in der Kombination aus Schloss (»Ein lustvolles Shopping-Erlebnis in einem einmaligen Ambiente. – 90 Fachgeschäfte auf 4 Ebenen«) und Steglitzer Kreisel das Einkaufs-Mekka des Berliner Südens. Hier wundert sich niemand über den Maßstab und die Radikalität der Projekte. Schon fast in den Grunewald eingebettet, ist es auch nicht verwunderlich, dass hier im letzten Außenposten der Zivilisation die Outdoorkette Globetrotter ihren deutschlandweit größten Sitz unterhält. Die Mischung aus Shopping, einem Hotel und einem Großfrisör kommt vor dem Hintergrund eines ansonsten provinziell anmutenden Steglitz gut an. Einzig das Innenleben des Bezirksamtes im Hochhaus wirkt ein wenig verstaubt und old-fashioned. Beim Besuch der Kantine im 24. Stock lässt sich über das triste Interieur angesichts der grandiosen Aussicht auf Berlin hinwegsehen und endlich stellt sich der schon lange erwartete Aha-Effekt ein. Von dem geplanten Abriss ist man hier alles andere als begeistert. Zu sehr hat man sich an den für Steglitzer Verhältnisse so gnadenlos überdimensionierten Turm und seine doch so selbstverständliche Präsenz gewöhnt.
Kaisers, Rossmann, ein türkischer Supermarkt, mehrere Döner Imbisse, Teestuben, das das größte türkische Shoppingcenter jenseits der Türkei, Kioske, eine städtische Bibliothek, soziale Vereine, Arzt- und Anwaltspraxen, eine Apotheke, eine Spielhalle, ein Wettbüro und eine der besten Bars der Stadt; ein tolles Angebot und doch scheint das Kottbusser Tor in der öffentlichen Wahrnehmung nicht zu funktionieren. Versucht man, das Kotti ins Gespräch zu bringen, sind die Reaktionen meist radikal abweisend. Gemeinsamer Nenner ist ein allgemeines Unbehagen, und die Tendenz der auswärtigen Flaneure, den Platz so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Dabei gibt es hier einiges zu beobachten. Ursprünglich als Schaufenster der Berliner Industrie geplant, ist es schon immer, mal mehr mal weniger, auch ein vorzügliches Schaufenster der sozialen Schieflage, aber genauso auch der Bemühungen um Integration und der aus ihr hervorgehenden vitalen urbanen Vielfalt.
Oh baby,
waste me baby,
waste me
Die städtischen Qualitäten des NKZ hervorzuheben erscheint darum zunächst so, als lobe man die gesundheitsfördernde Kraft von schnell gerauchten Zigaretten. Genau das ist allerdings der Punkt. Das Betongebirge ist hart und sexy, aufregend und komplex und damit perfektes Symbol für das Selbstverständnis des Stadtteils. Statt Milchkaffee und Shopping steht der Kreuzberger eher auf das Posing mit der schmutzigen Realität des Lebens. Das Zentrum funktioniert in diesem Sinne als rücksichtsloses Upgrade der bestehenden Stadt. Es integriert sich und nutzt den Bestand, zugleich wird aber in das gründerzeitliche Einerlei ein Stück Urbanität von völlig anderer Intensität implantiert. So wird das Kottbusser Tor als wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit roher Masse weiter verdichtet, aufregende Passagen, Verbindungen und Abkürzungen werden eingebaut, neue Blickbeziehungen ermöglicht und nicht zuletzt die Umgebung ästhetisch dramatisiert. So könnte das NKZ ein Fluchtpunkt für all jene Formen städtischen Lebens sein, denen die langweilige Piefigkeit der restlichen Stadt zu eng wird. Könnte, wohlgemerkt, ist es aber nicht, denn ein Großteil der Gewerbeflächen steht leer.
Der Steglitzer Kreisel als überbaute Verkehrsinsel erscheint da zunächst als typologischer Gegenpol. Hier finden sich keine noch so zaghaften Bezüge zur Stadt, der Block mit Hochhaus scheint vollständig autark zu sein. Trotz der offensichtlichen Konfrontation mit der schönen Schlosstraße und der angrenzenden Villengegend, erscheint der Kreisel bei den Passanten wohlgelitten. Und tatsächlich ist seine Radikalität zwischen Bäckerei und Billigfriseur kaum wahrzunehmen. Gerade in der Kombination aus Dichte, Infrastruktur und asozialem Auftreten liegt jedoch das hedonistische Potential des Kreisels. Ohne Rücksicht auf die Stadt könnte hier eine Insel des schnellen Vergnügens entstehen. So wäre Platz genug für endlose unterirdische Landschaften aus Restaurants, Clubs und Bars, Fitnesscentern, Bowling- und Kartbahnen sowie Kinos, Karaokeschuppen und Spielhöllen. Besucher aus allen Teilen der Stadt könnten hier endlosen Variationen des urbanen Genusses nachgehen und später eines der besonderen Stundenhotels im Hochhaus aufsuchen. Beim Blick aus einem der Zimmer auf die alte Stadt ließe sich dann auch erkennen, worin die Gemeinsamkeiten von NKZ und SK liegen: Beide Projekte brechen durch ihren Maßstab ganz offensichtlich mit der historischen Stadt. Im Gegensatz zu Shoppingmalls sind sie jedoch keineswegs antiurban, sondern nutzen die Potentiale der modernen Architektur, um in der gegebenen Stadtstruktur spezifische Formen der Intensität zu erzeugen.
Respekt vor Irrationalität
In ihrer abweisenden Radikalität verweisen die Gebäude SK und NKZ auch auf eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Architektur: den passenden Lifestyle der Nutzer. Denn nur, wer neue Räume mit eigener Bedeutung zu füllen versteht, kann auch ihre Potentiale nutzen. Offensichtlich wird das an einer türkischen Bezeichnung für das NKZ: Galata Köprüsü, in Anlehnung an eine der wichtigsten Brücken Istanbuls, die ebenso wie das Zentrum eine Vielzahl von Restaurants und Läden beherbergt. Die Wirkung dieser symbolischen Aneignung zeigt sich dann auch im migrantischen Hintergrund der meisten Gewerbemieter. Aber auch jenseits der türkischen Community ist das Interesse am NKZ groß. Längst könnten die restlichen Gewerbeflächen vermietet sein, wäre da nicht eine Hausverwaltung, die entgegen der Mechanismen des Marktes an überteuerten Mieten festhält und damit den Erfolg des Projektes verhindert. Das zeigt auch, dass nicht nur die Qualität der Architektur und die Fähigkeiten der Nutzer, sondern auch die intelligente Verwaltung der Gebäude eine wichtige Rolle spielt. Und moderne Architektur erinnert da oft an die schnellen Sportwagen, die auch Sigrid so liebte. Sie sind aufregender und schneller als gewöhnliche Altbau-Golfs, sie fliegen aber auch leichter aus der Kurve und sehen daher natürlich auch schneller mitgenommen aus.
Die baulichen Massen liegen im Bezug zu ihrem jeweiligen Raumbedarf bei SK und NKZ weit auseinander. Doch ihr damals visionärer Charakter bleibt ein Wert an sich. Das vorgeblich Visionäre wird mittlerweile allerdings in China gesucht. Neue Formen von Stadt zu erfinden, für deren Eigenart bisher weder Vorstellungsbilder noch Gebrauchsformen existieren, scheint dort mehr Interessenten zu finden. Die Zeit der Wirtschaftswunder ist in Berlin ebenfalls vorbei. Die damaligen Überkapazitäten der lokalen Bauwirtschaft sind daher längst abgebaut. Dies ereignete sich nicht zuletzt wegen dem Verschwinden von Steuerspar- und Abschreibungsmodellen.
Die Radikalisierung der Anwohner ist genauso Vergangenheit. Die ehemaligen Hausbesetzer Kreuzbergs sind nur noch als de-politisierte Alkoholleichen in den umgebenden Kneipen oder in ihren brandenburgischen Reihenhäusern anzutreffen. Die klare Frontenbildung zwischen Nutzern und Politikern ist verschwunden. Managementwissen und Rationalität bestimmen mittlerweile verstärkt das alltägliche politische Handeln. Die entfesselte Politik und das Bauen der Intensität sind in Steglitz und Kreuzberg Vergangenheit. Sie haben zu einer opfermässigen Einstellung gegenüber echter Urbanität und zu Berührungsangst mit der sozialen Realität geführt. Die Dogmatisierung von Stadtbauideologie verhindert zusätzlich die Ausschöpfung von vorhandenem urbanem Potential. Der verstärkte Realismus in der politischen Mentalität lässt als Großprojekte nur noch brave kastenartige Shoppingmalls für die Realisierung zu. Neue Bauwerke im geistigen Gefolge von SK und NKZ sind nach dieser Bewusstseinsverschiebung in Steglitz und Kreuzberg daher auch nicht mehr denkbar.
Die Gestaltungsmuster der klassischen Moderne waren hochgradig rational: effektiv, sozial, axial, strukturiert, einfach, zukunftsgerichtet. Weil die Rhetorik den Optimismus aller Beteiligten schürte, wurde so das verdeckte Entstehen von irrationalen Bauwerken erst ermöglicht. Die damalige besondere Verflechtung von wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Motiven wurde noch erfolgreich durch das Motiv der persönlichen Bereicherung ergänzt. Doch uneingeschränkt handelnde Figuren wie Sigrid Kressmann-Zschach fehlen mittlerweile. Ihre Strategie der privaten Utopie, oder Bereicherung mit Stil, instrumentalisierte eine scheinbare Rationalität des Denkens als Nährboden für Irrationalität.
Das 30-stöckige Hochhaus am Steglitzer Kreisel ist bis oben mit Asbest voll gepumpt. Die Mitarbeiter des Bezirksamtes werden noch dieses Jahr umgesiedelt. Wenn die verbliebenen Senioren an einem noch unbestimmten Tag in diesem Jahr ihre letzte Bohnensuppe in der öffentlichen Kantine des 24.Stockwerks gegessen haben, wird vielleicht niemand mehr den Turm über einen längeren Zeitraum betreten. Doch nur, wenn die verantwortlichen Kommunalpolitiker die Ruhe bewahren, das Gebäude erst einmal stehen lassen, und nicht dem vorschnellen Abriss des Palastes der Republik nacheifern, nur dann erhalten die Akteure Zeit zum Nachdenken über ihr musealisiertes Hochhaus. Vielleicht werden die stigmatisierten SK und NKZ dann in der Wahrnehmung ihrer Nutzer rehabilitiert, und die gebaute Moderne wird als falsch verstandene, aber grundsätzlich interessante Möglichkeit vom Umgang mit Stadt neu entdeckt. Wir sollten im Anschluss das Irrationale wieder verstärkt ermöglichen.
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