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erschienen in der HOW TO #2 – food

DER KLEINE TROJANER IN UNS


von Tim Klinger

Im Aquarium am Ende des Tiergeschäfts in der 86. Straße mitten in New York tänzelt ein Fisch in seinem Becken. Er schimmert leicht bläulich, beinahe als würde er von selbst leuchten. Es erinnert an einen Raver Mitte der 90er mit weißem T-Shirt und Handschuhen unter den UV-Leuchten im Dorian Gray.
Bei näherer Betrachtung kann man beobachten, dass der Fisch wegen der Leuchtstoffröhre im Aqarium fluoresziert. Es ist der GloFish®. Der US. pantentierte Fisch trägt das Gen einer nordpazifischen Quallenart, der Aequorea victoria, das ein fluoreszierendes Protein produziert. Dieses Gen ersetzt nicht die Zimmerbeleuchtung, sondern entfaltet seine Leuchtkraft am besten in einem dunklen Zimmer unter einer UV-Lampe. Die Verkäuferin erklärt, dass dieser Fisch für nur 5.95$ endlich wirkliche Farbenfreude in die Süßwasseraquarien bringt, was sonst nur den Salzwasseraquarianern vorbehalten war. Nicht schlecht.
Der Rest des genetischen Codes ist der eines herkömmlichen Zebrabärblings, eine in Indien und Pakistan vorkommende Süßwasserfischart und weltweit der häufigste Aquariumfisch. Der Unterschied zum GloFish® sind ein paar genetische Modifikationen. Dafür ist der Zebrabärbling ein dankbarer Modellorganismus. Er braucht wenig Platz und verfügt über hervorragende Zuchteigenschaften. Ein Babyfisch ist nach Befruchtung des Eies in nur 5 Tagen selbstständig und auf Nahrungssuche. So können Entwicklungsabläufe, die bei Säugern Jahre dauern, in wenigen Wochen beobachtet werden. Durch die gentechnische Nutzung zählt der Zebrabärbling zu den am besten untersuchten Lebewesen unseres Planeten. Im Max-Plank-Institut in Tübingen z.B. werden an 400‘000 Exemplaren genetische Grundlagentests durchgeführt. In 7‘000 Aquarien werden die Fische gezüchtet, manipuliert und beobachtet.
Der 2003 auf dem amerikanischen Markt zugelassene GloFish® ist in einem ähnlichen Institut in Singapur entstanden. Dr. Zhiyuan Gong von der Nationalen Universität Singapur schaffte es 1999, das Gen der Qualle in das Genom eines Zebrabärblings zu transferieren. Das Ziel, an dem Dr. Gong noch arbeitet, so schreibt er, ist es, einen Fisch zu züchten, der als Reaktion auf Umweltgifte aufleuchtet, wie z.B. bei Schwermetallbelastung. Der erste Schritt war, einen transgenen Fisch zu züchten, bzw. der GloFish® entstand als Nebenprodukt seiner Arbeit. Als Yorktown Technologies vom Nebenprodukt erfuhren, begannen sie den Fisch in den USA zu vermarkten. 2003 wurde der GloFish® auf dem amerikanischen und taiwanesischen Markt zugelassenen und ist bis heute das einzige legale gentechnisch manipulierte kommerzielle Tier der Welt. Alle im Handel zu kaufenden GloFish® sind, laut offiziellen Stellungnahmen, Nachfahren der genetisch veränderten Elterntiere, die jedem Nachkommen einen individuellen anderen fluoreszierenden Farbton verleihen. Durch weitere Zusätze von Korallen- und Anemonengenen gibt es den GloFish® mittlerweile auch in Starfire Red®, Electric Green® und Sunburst Orange®. Diese Vielfalt bringt wirklich Farbenfreude ins Süßwasseraquarium und lässt die Herzen der Aquarienbesitzer höher schlagen.
Nur nicht in Europa, wo EU-Gesetze verhindern, dass gentechnisch manipulierte Tiere vertrieben werden dürfen. Zum Leidwesen nicht nur der Aquarianer, sondern auch von Yorktown Technologies. Sie verkauften im ersten Monat nach der Einführung über 100‘000 Stück in den USA.
Wenn es um Fisch im allgemeinen geht, sind das aber kleine Zahlen in Europa. 100’000 Lachse produziert Norwegen in weniger als 2 Tagen. Diese sind noch nicht genetisch manipuliert, aber sie werden auch gezüchtet. Züchten statt fangen, in Aquakulturen. Diese riesigen schwimmenden Käfige gibt es nicht nur vor der Küste Norwegens, sondern rund um den Globus werden seit Jahren industriell Fische gezüchtet, und nicht nur Lachse.
In den 90ern kamen die Aquakulturen in Verruf, da durch die Massentierhaltung Krankheiten grassierten und viele Antibiotika benutzt wurde. Gerade der norwegische Lachs war stark betroffen. Durch technische Weiterentwicklung und Impfungen der Fische konnte bis 2003 der Einsatz von Antibiotika drastisch reduziert werden, und der Atlantiklachs ist seitdem im Fisch- und Kühlregal wieder salonfähig geworden. 600‘000 Tonnen Atlantiklachs produzierte Norwegen im Jahr 2006, beinahe die Hälfte der weltweiten Nachfrage, die seit 2001 um über 20% gestiegen ist.
Mit Aquakulturen dachte man eine mögliche Form gefunden zu haben, um die völlig überfischten Weltmeere zu entlasten – blue Revolution wurde sie genannt. Es wurde in den letzten Jahrzehnten viel an der jungen Technologie gearbeitet. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und um Aquakulturen in der Öffentlichkeit populärer zu machen, füttert man die Fische in vielen Aquafarmen nicht mehr mit Fischfang aus der direkten Umgebung, sondern füttert mit Pellets, die teilweise aus Getreide bestehen, je nach Fischart mit mehr oder weniger Getreideanteil.
Die Pellets für den Lachs vor der norwegischen Küste bestehen etwa zur Hälfte aus Getreide und zur anderen Hälfte aus Fisch. Die Masteffizienz hat sich in den letzten Jahren stark verbessert, so benötigen norwegische Lachsfarmen nach eigenen Angaben nur noch 1,1 kg Futter für 1 kg Lachs. Früher waren das noch 1,5 kg. Zum Vergleich bekommt man 1kg Hühnchen oder Schweinefleisch aus 2 kg bzw. 3 kg Futter. Bei Rind liegt der Wert erheblich höher. Die etwa 600 g Fisch in den Pellets, die man für 1 kg Lachs benötigt, sind Fischreste aus der Fischproduktion. Biomasse, die nicht zum menschlichen Verzehr geeignet ist: Innereien, Gräten, Schuppen, immer häufiger auch Beifang – die Meeresbewohner, die nur zufällig in das Netz gehen. Anstatt diese wieder über Bord zu werfen, wobei nur etwa 20% den Aufenthalt an Bord überleben, nutzt man nun diese Biomasse, um mehr Fisch zu produzieren. Wirtschaftlich und effektiv! Man entlastet dadurch aber die Weltmeere nicht.
Ein weiteres Problem der Aquafarmen ist, dass sie gar nicht fähig sind, jeden Fisch, der auf unseren Speisekarten steht, industriell zu züchten. Tunfische, die zu den am meisten gefährdeten Fangfischen zählen, werden immer noch wild gefangen, gemästet und dann geschlachtet.
Openwater Aquafarming, das nach der überstandenen Antibiotikakrise in den letzten Jahren verheißungsvoll angepriesen wurde, ist nicht die Lösung für die überfischten Weltmeere. Der Hunger der Menschen auf gesunden Fisch ist zu groß. Es ist eine junge Technologie, die noch ihre Zeit braucht, um sich zu entwickeln, die sie vom Konsumenten aber nicht bekommt. Doch es gibt auch hierfür schon eine verheißungsvolle Lösung, eine noch jüngere Technologie, die mehr als bereit ist einzuspringen – die Gentechnik. Sie hat den Zebrabärbling zum Leuchten gebracht, und den Atlantik­lachs will sie wachsen lassen. Die Firma Aqua Bounty, mit Hauptsitz in Boston, steht mit der AquAdvantage™ in den Startlöchern. 1982 haben sie angefangen daran zu forschen, seit 1999 wartet die Firma auf die Zulassung des AquAdvantage™ Salmon. Der transgene Lachs wächst durch manipuliertes Wachstumshormon deutlich schneller als sein wilder Artgenosse. Laut Hersteller erreicht er das Marktgewicht ein Jahr früher und setzt Futter 10 – 30 % besser in Körpermasse um. Wenn man diese Zahlen umrechnet, könnte man bei gleicher Belastung der Meere an der norwegischen Atlantikküste beinahe doppelt so viel Lachs herstellen.
In Boston lehnt man sich zurück, betreibt etwas Lobbyismus und wartet auf ein GO. Für Investoren wirbt man mit einer Verdoppelung der Fischproduktion innerhalb von 2 Jahren und dadurch für die Rettung der Weltmeere, sobald die AquAdvantage™ Produkte endlich zugelassen werden.

2000 veröffentlichen der Tierwissenschaftler Bill Muir und der Biologe Rick Howard einen Forschungsbericht über die Auswirkung von transgenen Medakas auf den Wildbestand. Der Medaka ist eine kleine Süßwasserfischart, die hauptsächlich in Japan vorkommt. In einem Modellversuch gehen die beiden Forscher davon aus, dass männliche Medakas, die durch ein manipuliertes Wachstumshormon gentechnisch verändert wurden, mit der Wildpopulation in Kontakt kommen. Laut Untersuchung wird der gentechnisch veränderte, schneller und größer wachsende männliche Fisch von den weiblichen Fischen des Wildbestands viermal häufiger als Paarungspartner gewählt als der natürliche Kontrahent. Die Brut der Transgen-Wildgen-Mischung hat aber im Vergleich zur Wildbrut eine um 30 % geringere Chance zu überleben. Eine Simulation errechnet aus den beiden Häufigkeiten, dass die ganze Wildpopulation schon durch die Vermischung mit nur 0,01 % transgener männlicher Medakas nach 40 Generationen aufgrund der reduzierten Überlebensfähigkeit des Nachwuchses aussterben würde. Muir und Howard nennen dies die Trojanische-Gen-Hypothese. Ein Jahr später kommt eine Studie der Royal Society of Canada zum gleichen Ergebnis.
Die Aqua Bounty fühlt sich und AquAvantage™ angegriffen und erwirkt 2002 einen offenen Brief von Muir an die Aqua Bounty, in dem er schreibt, dass man vom Modellcharakter seines Experiments mit Medakas nicht davon ausgehen kann, dass es 1 zu 1 auf den AquAdvantage™Salmon übertragbar sei, (der in Muirs Studie nie erwähnt wurde, Anmerk. d. Red.). Ferner schreibt er, dass der Effekt des Trojanischen Gens nur im Modellcharakter auftauchte und dass in freier Wildbahn noch weitere Faktoren hinzukommen, wie natürliche Feinde und verändertes Fluchtverhalten, Parasiten usw. Somit könne man nicht mit Sicherheit sagen, dass der Effekt dort überhaupt auftritt. Muir stimmt zu, dass transgene Fische und der Verzehr von transgenen Fischen keine Gefahr für die Umwelt oder für den Menschen darstellen und dass transgene Fische eine Hilfe bei der Welternährung sein werden. Er vermerkt jedoch, er sei ein etablierter Forscher, aber dieser Brief sei kein Forschungsbericht und bestätige daher nicht die Ungefährlichkeit von transgenen Fischen.
Aqua Bounty geht auf ihrer Webseite heute noch auf die Fragen um das Trojanische Gen bei den FAQs ein: »Muir und Howard, die Forscher der Purdue Universitäts, die die Trojanische Gen Hypothese aufstellten, forschten nicht am advanced hybrid salmon. Sie entwickelten ein mathematisches Modell, dass sich auf das Verhalten des japanischen Medaka bezog, ein kleiner Süßwasserfisch, der in 56 Tagen geschlechtsreif ist und sich bis zu seinem Tode fortpflanzt. Lachs hingegen braucht drei, fünf oder bis zu zehn Jahre, bis er geschlechtsreif ist, und die meisten pflanzen sich nur einmal fort. Sterile Lachse pflanzen sich gar nicht fort.«
Der Medaka ist kein Lachs, und dieser laicht höchstens drei Mal in seinem Lebenszyklus. Wobei nur 10 % der Lachse zweimal laichen und weniger als 0,1 % dreimal. Somit gibt es einige große Fortpflanzungsunterschiede zwischen den Spezies. Muir oder Howard gingen bei ihrem Modellversuch mit anschließender mathematischer Hochrechnung nicht davon aus, dass man es 1 zu 1 auf die freie Wildbahn umsetzen kann. Es gibt viele Faktoren, die man nicht genau vorhersagen kann. Beispielsweise kann nicht gesagt werden, ob die transgenen Tiere, evtl. durch größere Körpermassen, schneller Beute von natürlichen Feinden werden oder ob die Größe sie auf einmal interessanter für andere Jäger macht. Man kann unmöglich alle Eventualitäten und Möglichkeiten in dem komplexen Nahrungskettengeflecht der Ozeane vorhersagen. Was das Experiment aber zeigt, ist, dass im Gegensatz zu allen herkömmlichen Schadstoffen, die der Mensch in die Umwelt gelangen lässt, gentechnische Verschmutzung sich mit der Zeit exponiert und nicht wie beispielsweise radiaktive Isotopen sich zersetzt. Gene reproduzieren sich.
Der AquAdvantage™Salmon birgt ein Riskio, auch wenn AquaBounty das gerne seinen Investoren verschweigt. Aus Aquakulturen gelangen immer wieder Zuchtfische in die freie Wildbahn. 2003 berichtet der Economist über als einer Million gezüchtete atlantische Lachse, die schätzungsweise seit 1993 in die freie Wildbahn gelangt sind, und schreibt »Es gibt Fjorde in Norwegen, da sind 90% der Population Zuchttiere aus Farmen.« Was passiert, wenn tausende transgener Lachse jährlich in die Wildnis gelangen? Lachse, die schneller wachsen und mehr Körpergewicht haben, aber auch in kürzerer Zeit mehr fressen und Lachse sind keine Pflanzenfresser. Ob es zur Kreuzung zwischen AquAdvantage™Salmon und der Wildspezies kommt, ist ungewiss. Aqua Bounty bestreitet es, da »all ihre weiblichen Gentiere steril sind«. Dies geschieht, indem befruchtete Eier mit einem Enzym behandelt werden. Um Kosten zu sparen, wird das Enzym in einen riesigen Tank mit Millionen von Eiern gegeben in der Hoffnung, dass alle Eier mit dem Enzym in Kontakt kommen. Neutrale Forscher, wie der Molekularbiologe Bob Devlin vom staatlichen Fischereilabor in West Vancouver, bestätigen, dass man nicht 100 % sicher sein kann, dass jeder der aus den Millionen Eiern schlüpfenden Fische wirklich steril ist.
Die Folgen, die in Freiheit gelangte Zuchtlachse, transgen oder nicht, jetzt schon für den Wildbestand und die Weltmeere haben, ist nicht abzusehen. Unabhängige Studien sind selten, und die weltumfassende Nahrungskette ist so komplex, dass es beinahe unmöglich ist, genaue Vorhersagen zu treffen. Da bleibt uns nur, mit den Konsequenzen leben zu lernen.
Man braucht kein Spezialist in Aquafarming oder Gentechnik zu sein, um zu erkennen, dass unser Fischkonsum das Problem ist. Wir verbrauchen zu viel Fisch, und die Industrie versucht, die Nachfrage so kostengünstig wie möglich zu decken. Das deutsche Konsumverhalten ist so preisbewusst, dass der Konsument immer effektivere Produktionsmethoden von den Herstellern verlangt. Der Schnäppchenwahn in deutschen Haushalten treibt die Produzenten in jeder Branche ans Limit. Um die Preise senken zu können oder zu halten – also um wettbewerbsfähig zu bleiben – muss effektiver produziert werden. Bei der Fischereiindustrie muss entweder mehr gefangen oder mehr gezüchtet werden. Die weltweite Überfischung wird zum langsamen, aber sicheren Erliegen des Wildfangs führen. Ein Prozess, der schon begonnen hat. Das übt mehr und mehr Produktionsdruck auf Aquakulturen aus, die wiederum Druck auf Regierungen und Behörden ausüben, und früher oder später muss – der besseren Produktivität wegen – nachgegeben werden, und der AquAdvantage™ Salmon bekommt grünes Licht.
Es ist der Konsument, der durch sein preisorientiertes Einkaufen Massentierhaltung fordert, die Weltmeere leerfischt und den Regenwald abholzt, um darauf Soja oder Tomaten anzupflanzen. Er ist es, der die Marktwirtschaft am Laufen hält und durch Preiskämpfe Regierungen zwingt, gentechnisch veränderte Produkte zuzulassen, die sicher nicht zum Wohle der Menschheit entwickelt werden, sondern um dem westlichen und bald auch asiatischen Standard – der Luxusgesellschaft – mehr Konsumauswahl zu einem besseren Preis zur Verfügung zu stellen. Wie auch im Aquarium in der 86. Straße. Doch der GloFish® bekommt sicher kein Biosiegel oder Dolphin Save Stempel und verleiht dem Konsumenten auch nicht das Gefühl, mit dem Kauf etwas Gutes getan zu haben. Man hat damit nicht einmal einem Tier ein besseres Leben ermöglicht, weil es streng genommen gar nicht existieren würde, wenn der Konsument es nicht gewollt hätte. Der GloFish® ist ein nutzloses Lebewesen, geboren aus dem Kapitalismus und gentechnisch geformt für den Konsum. Er ist ein Symbol und wird ein Präzedenzfall werden, wenn es demnächst wieder ernsthaft darum gehen wird gentechnisch veränderte Nutztiere zuzulassen. Doch bis dahin bleibt er nur eine weitere Ware für das Aquarium um unsere Nachfrage zu befriedigen. Da kann der GloFish® nur zappeln und unter seiner UV-Lampe leuchten. Ihm geht’s gut, er kann am wenigsten dafür.

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