erschienen in der HOW TO #5 – job
Eichendorffs Taugenichts ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Lande gezogen. Seitdem hat sich einiges getan, klar. Aber der Konflikt in der Novelle scheint auch unser Konflikt zu sein: Während unsere Eltern in erster Linie gearbeitet haben, um Geld zu verdienen, Häuser zu bauen, Autos zu kaufen, Kinder zu kriegen und einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, suchen wir nach Glück und Erfüllung.
Blöd, dass es für die meisten von uns nicht so sahnemäßig abläuft, wie für den Taugenichts, der ziellos durchs Leben taumelt und am Ende trotzdem glücklich mit seiner Herzensdame in bester Wohnlage residiert. Ohne sich oder allzu viele Finger dafür krumm zu machen.
Unsere Eltern haben das Arbeiten, genau wie der Vater des Taugenichts, nicht infrage gestellt. Je nach Neigung wurde der Beruf gewählt, einen Job zu kriegen, war nicht so schwer wie heute. Sie arbeiten, machen Karriere, bleiben vielleicht sogar Jahrzehnte in der gleichen Firma und kriegen irgendwann ihre Rente. Sie hatten als Kinder wenig und dann ging es stetig bergauf. Der Beruf ist für sie wichtig und notwendig, aber die persönliche Erfüllung haben viele im Job gar nicht erst gesucht. Auch der Faktor Spaß spielte keine tragende Rolle. Was viele Eltern mit ihrer Arbeit geschafft haben, ist, uns ein warmes Nest zu bauen und eine Kindheit in Wonne zu bescheren. Ohne Existenzängste und mit einigen Annehmlichkeiten. Aber irgendwann kam der Tag des Abschieds. Und viele von uns standen ähnlich wie Eichendorffs Held planlos vor dem riesigen Supermarktregal der Möglichkeiten, die unsere Eltern zum Großteil nicht hatten. Wir können einfach alles werden. Überall leben. Mit wem wir wollen und wie wir wollen. Eine gloriose Ausgangslage eigentlich. Doch viele scheitern an der grenzenlosen Freiheit, denn kein Weg scheint der richtige zu sein. Bei unserem Streben nach dem Glück sind die Weggefährten Rastlosigkeit und Unentschlossenheit mit an Bord und die treiben uns im Zickzackkurs durchs Leben. Das Studienfach – Medienwissenschaften, Literatur, Grafikdesign, Kunstgeschichte, Ethnologie – führt zu vielem, aber keinesfalls straight ins Berufsleben. Was tun? Am besten erst mal die Welt erkunden, wie der Taugenichts. Der Zweck ist Selbstfindung. Also geht’s nach der Uni ab nach Thailand, Kambodscha, Indien, Australien ... Die Sonne scheint, alles ist so inspirierend und mit Gelegenheitsjobs oder Papis Kohle kann man sich für einige Zeit über Wasser halten. Anschließend absolvieren wir mehrere Praktika, schlecht bis gar nicht bezahlt, um rauszufinden, was uns langjähriges Studieren und die Reise um den Globus (noch) nicht beantwortet haben. Was soll ich bloß mal werden? Dabei nutzen wir das Ausschlussprinzip. Vom Praktikum aus schliddern wir dann mehr oder weniger zufällig in den ersten richtigen Job. Viel mehr Kohle gibt’s erst mal nicht, aber was Besseres war nicht im Angebot. Die Arbeit ist dafür ganz lustig, man tummelt sich beispielsweise mit Gleichaltrigen in farbigen Stoffturnschuhen bis spätabends in Agenturen und hat dauernd gute Ideen. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zerfließen. Denn neben der Arbeit auf dem Schreibtisch im Büro ackern wir freiwillig bei Farmville. Auch ein Grund, warum keiner um 18 Uhr nach Hause kann. Unsere Kollegen werden zu Kumpels und auch der Chef ist keine echte Autoritätsperson. Nach spätestens zwei Jahren ist die Luft raus und ein neuer Job muss her, der nach zwei Jahren auch doof ist, und so weiter und so fort.
So nach zwei, drei Wechseln schlägt die Uhr (Mitte) 30. Während die examinierten Juristen, BWLer und Mediziner jetzt ordentlich Kohle ranschaffen, Altbauwohnungen in guten Gegenden kaufen und Kinder bekommen, die sie im Kinderwagen von Bugaboo transportieren, wohnen wir in WGs oder erschwinglichen Wohnungen in den einschlägigen Vierteln, auch »Szeneviertel« genannt. Wir fahren mit dem Fahrrad durch die Stadt und wenn’s schlimm regnet, nehmen wir die Bahn. Abends treffen wir uns mit Freunden in Bars oder Clubs, gehen zu Rockkonzerten, zu Vernissagen mehr oder weniger bekannter Künstler, ins Theater, Kino etc. pp. Irgendwann kriegen wir eine Sinnkrise und fragen uns, wie lange wir diese komischen Jobs eigentlich noch machen wollen und wohin uns das alles führt. Wir träumen von gut bezahlten, sicheren Festanstellungen in großen Unternehmen oder der erfolgreichen Selbstständigkeit. Wir hören, dass wir was für unsere Altersvorsorge tun müssen und schließen heimlich bei MLP Riesterverträge mit lächerlich niedrigen Monatsraten ab. Ganz tief drinnen hören wir unsere Eltern sprechen, legen ihre Maßstäbe an unser Leben an und stellen fest, dass wir es wahrscheinlich nie so weit bringen werden wie sie. Wir werden unseren Kindern keinen Golf zum 18. Geburtstag schenken und kein Haus mit Garten vererben. Dass wir überhaupt vor 38 Babys machen, ist mehr als unwahrscheinlich. Was tun, wenn der Zweifel am Sinn des (Arbeits-)Lebens kommt? Auch jetzt haben wir die Wahl:
Man kann Panik bekommen und durchdrehen. Oder in Bewegung bleiben. Die Konventionen der Eltern, die zu uns und unserer Zeit nicht mehr passen, hinter sich lassen. Selbst akzeptieren, dass wir einen anderen, weniger geraden Weg eingeschlagen haben – und zwar freiwillig. Dass wir Rock’n’Roll wollen und keinen Manteltarifvertrag. Dass wir lieber in einer schrammeligen Bude mitten im Leben wohnen wollen, als in einem großen Haus mit Garten irgendwo im Nirgendwo. Dass wir immer noch tanzen und nicht jeden Abend vor der Glotze hängen wollen. Wir sind frei. Wir sind Idealisten auf der Suche nach Erfüllung. Wir denken nach und gestalten die Welt ein Stückchen mit. Wir haben die Wahl, den Job ins richtige Licht zu rücken. Nichts ist in Stein gemeißelt und wenn wir wirklich nach unserer Fasson leben, finden wir vielleicht eines Tages genau den richtigen Beruf, der uns noch glücklicher macht, als wir ohnehin schon sind. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, sind wir schon ziemlich happy, was nicht heißen soll, dass man nicht trotzdem wöchentlich zum Psychologen latschen kann.
Und wenn es mal länger dauert mit dem Traumberuf, entscheiden wir uns vielleicht dafür, den Job als das zu betrachten, was er ist. Er zahlt unsere Miete im Szeneviertel, unsere Drinks in der Bar und unsere Platten, Klamotten und was wir sonst noch so brauchen.
zurück
Die Taugenichtse
von Dagmar SchrammEichendorffs Taugenichts ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Lande gezogen. Seitdem hat sich einiges getan, klar. Aber der Konflikt in der Novelle scheint auch unser Konflikt zu sein: Während unsere Eltern in erster Linie gearbeitet haben, um Geld zu verdienen, Häuser zu bauen, Autos zu kaufen, Kinder zu kriegen und einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren, suchen wir nach Glück und Erfüllung.
Blöd, dass es für die meisten von uns nicht so sahnemäßig abläuft, wie für den Taugenichts, der ziellos durchs Leben taumelt und am Ende trotzdem glücklich mit seiner Herzensdame in bester Wohnlage residiert. Ohne sich oder allzu viele Finger dafür krumm zu machen.
Unsere Eltern haben das Arbeiten, genau wie der Vater des Taugenichts, nicht infrage gestellt. Je nach Neigung wurde der Beruf gewählt, einen Job zu kriegen, war nicht so schwer wie heute. Sie arbeiten, machen Karriere, bleiben vielleicht sogar Jahrzehnte in der gleichen Firma und kriegen irgendwann ihre Rente. Sie hatten als Kinder wenig und dann ging es stetig bergauf. Der Beruf ist für sie wichtig und notwendig, aber die persönliche Erfüllung haben viele im Job gar nicht erst gesucht. Auch der Faktor Spaß spielte keine tragende Rolle. Was viele Eltern mit ihrer Arbeit geschafft haben, ist, uns ein warmes Nest zu bauen und eine Kindheit in Wonne zu bescheren. Ohne Existenzängste und mit einigen Annehmlichkeiten. Aber irgendwann kam der Tag des Abschieds. Und viele von uns standen ähnlich wie Eichendorffs Held planlos vor dem riesigen Supermarktregal der Möglichkeiten, die unsere Eltern zum Großteil nicht hatten. Wir können einfach alles werden. Überall leben. Mit wem wir wollen und wie wir wollen. Eine gloriose Ausgangslage eigentlich. Doch viele scheitern an der grenzenlosen Freiheit, denn kein Weg scheint der richtige zu sein. Bei unserem Streben nach dem Glück sind die Weggefährten Rastlosigkeit und Unentschlossenheit mit an Bord und die treiben uns im Zickzackkurs durchs Leben. Das Studienfach – Medienwissenschaften, Literatur, Grafikdesign, Kunstgeschichte, Ethnologie – führt zu vielem, aber keinesfalls straight ins Berufsleben. Was tun? Am besten erst mal die Welt erkunden, wie der Taugenichts. Der Zweck ist Selbstfindung. Also geht’s nach der Uni ab nach Thailand, Kambodscha, Indien, Australien ... Die Sonne scheint, alles ist so inspirierend und mit Gelegenheitsjobs oder Papis Kohle kann man sich für einige Zeit über Wasser halten. Anschließend absolvieren wir mehrere Praktika, schlecht bis gar nicht bezahlt, um rauszufinden, was uns langjähriges Studieren und die Reise um den Globus (noch) nicht beantwortet haben. Was soll ich bloß mal werden? Dabei nutzen wir das Ausschlussprinzip. Vom Praktikum aus schliddern wir dann mehr oder weniger zufällig in den ersten richtigen Job. Viel mehr Kohle gibt’s erst mal nicht, aber was Besseres war nicht im Angebot. Die Arbeit ist dafür ganz lustig, man tummelt sich beispielsweise mit Gleichaltrigen in farbigen Stoffturnschuhen bis spätabends in Agenturen und hat dauernd gute Ideen. Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zerfließen. Denn neben der Arbeit auf dem Schreibtisch im Büro ackern wir freiwillig bei Farmville. Auch ein Grund, warum keiner um 18 Uhr nach Hause kann. Unsere Kollegen werden zu Kumpels und auch der Chef ist keine echte Autoritätsperson. Nach spätestens zwei Jahren ist die Luft raus und ein neuer Job muss her, der nach zwei Jahren auch doof ist, und so weiter und so fort.
So nach zwei, drei Wechseln schlägt die Uhr (Mitte) 30. Während die examinierten Juristen, BWLer und Mediziner jetzt ordentlich Kohle ranschaffen, Altbauwohnungen in guten Gegenden kaufen und Kinder bekommen, die sie im Kinderwagen von Bugaboo transportieren, wohnen wir in WGs oder erschwinglichen Wohnungen in den einschlägigen Vierteln, auch »Szeneviertel« genannt. Wir fahren mit dem Fahrrad durch die Stadt und wenn’s schlimm regnet, nehmen wir die Bahn. Abends treffen wir uns mit Freunden in Bars oder Clubs, gehen zu Rockkonzerten, zu Vernissagen mehr oder weniger bekannter Künstler, ins Theater, Kino etc. pp. Irgendwann kriegen wir eine Sinnkrise und fragen uns, wie lange wir diese komischen Jobs eigentlich noch machen wollen und wohin uns das alles führt. Wir träumen von gut bezahlten, sicheren Festanstellungen in großen Unternehmen oder der erfolgreichen Selbstständigkeit. Wir hören, dass wir was für unsere Altersvorsorge tun müssen und schließen heimlich bei MLP Riesterverträge mit lächerlich niedrigen Monatsraten ab. Ganz tief drinnen hören wir unsere Eltern sprechen, legen ihre Maßstäbe an unser Leben an und stellen fest, dass wir es wahrscheinlich nie so weit bringen werden wie sie. Wir werden unseren Kindern keinen Golf zum 18. Geburtstag schenken und kein Haus mit Garten vererben. Dass wir überhaupt vor 38 Babys machen, ist mehr als unwahrscheinlich. Was tun, wenn der Zweifel am Sinn des (Arbeits-)Lebens kommt? Auch jetzt haben wir die Wahl:
Man kann Panik bekommen und durchdrehen. Oder in Bewegung bleiben. Die Konventionen der Eltern, die zu uns und unserer Zeit nicht mehr passen, hinter sich lassen. Selbst akzeptieren, dass wir einen anderen, weniger geraden Weg eingeschlagen haben – und zwar freiwillig. Dass wir Rock’n’Roll wollen und keinen Manteltarifvertrag. Dass wir lieber in einer schrammeligen Bude mitten im Leben wohnen wollen, als in einem großen Haus mit Garten irgendwo im Nirgendwo. Dass wir immer noch tanzen und nicht jeden Abend vor der Glotze hängen wollen. Wir sind frei. Wir sind Idealisten auf der Suche nach Erfüllung. Wir denken nach und gestalten die Welt ein Stückchen mit. Wir haben die Wahl, den Job ins richtige Licht zu rücken. Nichts ist in Stein gemeißelt und wenn wir wirklich nach unserer Fasson leben, finden wir vielleicht eines Tages genau den richtigen Beruf, der uns noch glücklicher macht, als wir ohnehin schon sind. Denn wenn wir mal ganz ehrlich sind, sind wir schon ziemlich happy, was nicht heißen soll, dass man nicht trotzdem wöchentlich zum Psychologen latschen kann.
Und wenn es mal länger dauert mit dem Traumberuf, entscheiden wir uns vielleicht dafür, den Job als das zu betrachten, was er ist. Er zahlt unsere Miete im Szeneviertel, unsere Drinks in der Bar und unsere Platten, Klamotten und was wir sonst noch so brauchen.
zurück